Der Tanz mit dem Teufel
Es begab sich am 31.12.1999, um genau 23 Uhr 58 Minuten und 58 Sekunden, dass Elmar Emsig von einer Brücke in den Tod stürzte. Wie das beim Sterben üblich ist verließ seine Seele den zerschundenen (in Elmars Fall übelkeiterregenden) Körper und machte sich auf den Weg. Bei den meisten wandert die Seele in den Himmel, um in Ewigkeit den Lohn für ein christliches Leben in Form von unendlicher Glückseligkeit entgegen zu nehmen. Aber nicht bei Elmar. Irgendein hohes Tier im Vorstand hatte beschlossen, dass Selbstmörder einen anderen Weg gehen müssen.
Als Elmar nun im warmen unteren Reich ankam, wurde er sofort zum Chef geführt. Ein 10 Meter großer, roter Kerl mit zwei riesigen Hörnern auf dem Kopf und einem fies aussehenden Dreizack in der Hand schaute verächtlich auf ihn hinab. Elmar räusperte sich: „Ähm, ´tschuldigung, bin grade erst angekommen. Wie heißt du denn? Ich bin der Elmar.“
Der große Boss starrte ihn verwirrt an. „In den Staub, du Wicht!“, dröhnte er mit seiner angsteinflößenden Stimme. Doch Elmar Emsig, der sich noch nie etwas hat sagen lassen, verschränkte trotzig die Arme vor der Brust. „Nö. Ich spiel doch nicht den Staubwedel für dich. Kannst du von da oben nicht sehen, dass dein Boden nicht nur staubig, sondern auch totaaaaal siffig ist?! Bist hier der ganz große Macker und hast nicht mal ´ne Putzfrau?! Wirklich schlecht organisiert, Mann!“ Das Gesicht des Herrschers färbte sich dunkelrot. „Ich dachte so bei mir: `Hallo Elmar, spring jetzt mal von der Brücke, beende dein langweiliges Leben und mach Party in der Hölle!´ Jetzt bin ich hier und irgendwie ist das auch nicht so prickelnd.“ Satans Gesicht wurde burgund. „Wollen wir nicht mal ´ne Party machen? Nur wie beide? Wie echte Kerle? Richtig einen drauf machen?“ Der Meister überlegte.
Er zog seinen teuflischen Berater, der wie eine billige Vampirimitation aussah, an seine Seite und flüsterte ihm was in sein spitzes Ohr. Der Berater guckte seinen Herrn erschrocken an. „Meister, ich denke nicht, dass jemand Eures Standes so eine delikate Angelegenheit unterstützen sollte.“ Nach einigem Hin- und Hergeflüster setzte der Teufel ein breites Grinsen auf. „Nun gut, Elmar Emsig. Ich gewähre dir eine Nacht mit guter Laune und Saufgelage.“ Elmar klatschte fröhlich in die Hände. „Okay! Lass uns loslegen…“ Er hielt inne. „Wie soll ich dich denn nennen?“ „Meister.“ Elmar runzelte die Stirn. „Ist das nicht ein bisschen unpersönlich? Wie nenn ich dich denn jetzt…? Satan oder Luzifer ist sehr abgedroschen… Lucy! Ja, Lucy ist perfekt für dich! Du kannst mich Elmi nennen.“ Luzifer rümpfte angewidert die Nase. „Lucy?! Was bin ich, ein Weib?!! Nenn mich gefälligst Meister, sonst kriegst du meinen Dreizack zu spüren, Wurm!!!“ Er erhob sich schnell von seinem Thron und ging auf Elmar zu. Elmar legte seinen Arm um Lucys Bein und gemeinsam gingen sie tiefer in die Unterwelt hinein, um eine lange, hemmungslose Nacht in Angriff zu nehmen.
Schließlich kamen sie in einer finsteren Stadt an. Schnell war eine Kneipe gefunden und hochprozentige Getränke wurden bestellt. Höllische Musik beschallte sie, diabolische Kreaturen tanzten und brüllten. Mit einem einzigen Schluck leerte Elmar sein erstes Glas. Lucy guckte ihn überrascht an. „Dazu sind die Oberflächenwesen also gut: Sinnloses Betrinken.“ Er tippte seinen kleinen Finger in den extra für ihn angefertigten Extra-Large-Bottich und steckte ihn dann in den Mund. „Wir sind nicht so gierig und unkontrolliert.“ Elmar grinste ihn leicht beduselt an. „Ihr seid ja auch tot, wir nicht.“ Lucy zeigte seine Rasierklingenzähne. „Jetzt bist du einer von uns, Wicht. Also lerne, dich zu beherrschen.“
Einige Zeit und etliche Drinks später tanzte ein ausgelassener Herrscher der Unterwelt auf einem Tisch. „Oh, guckt mich an!“, lallte dieser, „Ich tanze ganz verrückt!“ Elmar stand an der Theke und lachte. „Los, Lucy! Los!“ Ein Gröhlen ging durch den Raum und die Musik wurde lauter gedreht. Lucy stieg vom Tisch und torkelte zu Elmar. „Na, wie war ich?“ „Ausgezeichnet, Meister.“ „Nenn mich Lucy, Elmi. Sonst ist das so unpersönlich.“
So kam es, dass die Bewohner der Hölle eine ganz andere Seite ihres Herrschers kennen lernten, der darauf bestand, dass man ihn Lucy oder Schnegge nannte.
Am nächsten Morgen schlug der verkaterte Meister seine geschwollenen Augen auf und starrte direkt in ein großes Loch in der Decke seines Palastes. „Was zum Teufel…“ Er setzte sich vorsichtig auf. Die Tür wurde aufgeschlagen und der kleine Elmar stand vor ihm. „Hey Lucy! Na, alles fit?“ Lucy hielt sich den schmerzenden Kopf. „Sei still, Wicht!“, brüllte er. Dann fügte er etwas leiser hinzu: „Was hast du mit mir gemacht? Wieso ist da ein Loch in meiner Decke?“ „Dadurch bist du nach Hause gekommen.“ „Durch die Decke?“ Elmar nickte. „Durch die Decke. Nachdem dich der Gargoyle geworfen hat.“ „Welcher Gargoyle?“ „Bernd.“ „Wieso hat er mich geworfen?“ „Ihr ward mit eurem Bettgeflüster fertig und er hatte genug von dir.“ „Woher kenne ich diesen Bernd?“ „Du hast ihn im Strip-Lokal aufgerissen und bist mit ihm abgehauen. Und hast mich einfach mit der sechsbusigen Nymphe alleine gelassen…“ „Moment mal! Wir waren in einem Strip-Lokal?!“ „Ja. Nachdem wir uns jeder mit 10 Wodka, 7 Barcadi, 5 Bier, 12 Weizen und einem Kübel Wein begnügt hatten, wolltest du nacktes Fleisch sehen.“
Der teuflische Berater kam durch die Tür, eine Steintafel in der Hand. „Meister, oh Meister! Seht euch das hier an!“ Er reichte Lucy die Tafel. Es war eine Zeitung, die Devily News. Auf der Titelseite prunkte ein Farbfoto vom Herrscher mit der Schlagzeile: Meister im Partyrausch! „Es wird geschrieben, dass Ihr auf Tischen getanzt und Euer Hinterteil entblößt habt!“, sagte der Berater empört. „Und dann hat man Euch mit Bernd Bottom verschwinden sehen!“ Lucy guckte Elmar böse an. „Das ist alles deine Schuld, Wurm! Wegen dir habe ich den Respekt meiner Untertanen verloren!“ Er stand langsam auf, ohne seinen wütenden Blick von Elmar zu lassen. „Aus meinen Augen, Wicht! Verlasse mein Reich und komm nie wieder!!!“ Elmar kämpfte gegen die aufsteigenden Tränen, seine Lippen zitterten vor Verzweiflung. Unbeeindruckt von der Traurigkeit des Erdenmännchens schnippte Lucy mit den Fingern und plötzlich stand Elmar wieder an der Autobahnbrücke.
Es war immer noch Silvester, 1 Minute vor Mitternacht. Als er so dastand, fingen die Leute vor den Häusern an, von 10 auf 0 runterzuzählen. Pünktlich um zwölf schoss die erste Rakete in den Himmel. „Tja,“ dachte Klein-Elmar bei sich, „dann nehm ich mir für das neue Jahr vor, Freunde zu finden, die genauso viel Alkohol vertragen wie ich.“
So zog er aus um die Säufer zu suchen.
Und die Moral von der Geschicht´: Alk verträgt man - oder nicht.
© Inkslinger ~ 13.11.2002