Thema: Der perfekte Augenblick
Verzerrter Rückblick
„Jetzt schau mal, was du hier für eine fiese Frise hattest!“ Georg verdrehte genervt die Augen. Er hatte von Anfang an gewusst, dass es eine blöde Idee war, die alten Fotoalben rauszusuchen. Trotzdem hatte er (wie so oft in ihrer Beziehung) Sybille einfach nachgegeben und sich aus der Küche ein Bier zur Entspannung geholt. Die Ankunft seiner Mutter Brunhilde machte auf fast magische Weise drei Biere daraus und alles tangierte ihn nur noch peripher.
Langsam schlenderte er zum hysterisch kichernden Frauenvolk und begutachtete das Foto. „Süße, in den 80ern haben doch alle so ausgesehen. Mit dem Vokuhila war ich voll im Trend! Und dann noch die Dauerwelle dazu – ich war ein echtes Sahnestückchen.“ Die beiden Frauen lachten und blätterten weiter.
Das nächste Bild zeigte eine wesentlich jüngere Brunhilde mit ihrem Mann und ihren zwei kleinen Söhnen. Alle drei betrachteten es lange schweigend.
Sybille wusste, dass Georgs Vater vor einigen Jahren verstorben und sein Bruder nach Australien ausgewandert war, doch hatte sie noch nie ein Foto von den beiden gesehen. „Also das sind Heinz und Jens?“ Brunhilde nickte und brachte ein trauriges Lächeln zustande. „Ja, das sind meine Jungs. Ich erinnere mich noch an das Foto. Das war an Georgs 13. Geburtstag. Es war einfach schön.“ Georg erhob sich abrupt und knallte seine Bierflasche auf den Wohnzimmertisch. Die Frauen fuhren erschrocken zusammen.
„Was hast du denn, Schatz?“, fragte Sybille und starrte ihn irritiert an. „Nichts!“, schrie er. „Ich freue mich nur für meine Mutter, dass dieser Tag so schön für sie war! Leider hat sie kein Foto davon gemacht, was später an dem Tag passiert ist. Der alte Herr war der Ansicht, ich sei reif genug, Wodka zu trinken. Mir wurde von dem Zeug so schlecht, dass ich quer über den Küchentisch gekotzt habe. Dafür hat er mich so verprügelt, dass ich tagelang nicht richtig sitzen konnte.“
Seine Freundin kam zu ihm und streichelte sanft seinen Arm. Brunhilde stand auf, klappte das Fotoalbum zu und legte es auf die Schrankwand. „Red' gefälligst nicht so über ihn! Er war ein guter Ehemann und Vater. Ich fahre jetzt nach Hause.“ Ohne auf eine Reaktion ihres Sohnes zu warten, stürmte sie aus dem Haus, startete ihren Kleinwagen und rauschte davon.
Sybille gab Georg einen langen Kuss. „Jeder erinnert sich anders. Sei nicht sauer auf sie.“ „Bin ich auch nicht.“, grummelte er und sie kicherte. „Wir sollten morgen eine Kamera kaufen, alter Brummbär.“ „Wofür? Fotografien sind doch nur da, um gespielte Emotionen einzufangen und einem vorzugaukeln, dass früher alles toll war.“ „Bei uns wird das anders ablaufen. Ich werde dich immer fotografieren. Auf jeder Feier, bei jedem Streit und jedem Männerschnupfen. Die schrecklichen Bilder machen wir dann in ein eigenes Album und nennen es 'So war es wirklich'.“ Georg lachte. „Okay, aber nur, wenn wir auch Fotos machen, wenn du ungeschminkt und in Schlumperklamotten bist.“ Sybille lächelte verkrampft. „Das werden wir dann sehen...“
© Inkslinger ~ 23.11.2012