Thema: Streifen (alternativer Beitrag)
 

Familiäre Steinwürfe

Am frühen Nachmittag saß Elli bei ihrer großen Schwester Dani in der Küche.

Dani war gerade dabei, für ihre Kinder Essen zu kochen. Lächelnd beobachtete Elli sie, wie sie durch die Gegend huschte. Jeder Handgriff saß und alles war so gut koordiniert, dass es fast anmutig wirkte. Schon immer hatte sie zu ihrer Schwester aufgeblickt und nahm sie bei vielen Dingen als Vorbild.

Zwischen Abwasch und Tisch decken musterte Dani sie skeptisch.

„Du hast mir immer noch nicht erzählt, wieso du hier so überraschend aufgekreuzt bist. Wir waren doch für übermorgen verabredet. Komm, sag schon.“ Elli starrte auf ihre Hände und spielte verlegen mit ihrem Ring. „Naja... Ich...“

Plötzlich wurde die Küchentür aufgerissen und Danis Lebensgefährte Holger kam rein.

„Ist das Essen schon fertig?“ Demonstrativ guckte er auf die Uhr.
„Gleich. Ich muss nur noch die Klöße abschrecken. Wo warst du denn?“
„Elektromarkt. Mach Gas! Meine Serie läuft gleich.“

Ohne den Besuch auch nur eines Blickes zu würdigen rauschte er wieder ab.

Elli verdrehte die Augen. Sie kannte das nervtötende, beleidigende Verhalten ihres Schwagers in Spé und wusste aus Erfahrung, dass es sich nicht lohnte, darüber nachzudenken oder zu diskutieren. Achtzehn Jahre ging das schon so. Wenigstens war ihre Schwester ganz anders!

Dani hakte nochmals nach. „Red mit mir. Solang du nicht schwanger bist kannst du mir alles erzählen.“

Elli sah sie verdattert an.

„Was soll das denn heißen? Warum sollte ich nicht mit dir darüber reden?“
„Ich denke, du solltest keine Kinder bekommen.“
„Wie bitte?!“

„Guck dich doch mal an, Elli! Du bist fett, wärst also eine echt miese Mutter! Du könntest ja nicht einmal rausgehen und richtig mit den Kleinen spielen. Außerdem traue ich deinem neuen Kerl nicht über den Weg. Wie lang seid ihr jetzt zusammen?“
„Sechs Jahre! Sag mal, tickst du noch richtig?! Das kann doch nicht dein Ernst sein. Ich bin 30 Jahre alt, in einer gesunden Beziehung und liebe Kinder. Ich wäre perfekt.“

Holger erschien in der Tür. Offensichtlich hatte er das Gespräch belauscht und wollte auch noch seinen Senf dazu abgeben.

„Nenene, das wäre ja was. Ich habe immer gehofft, dass du unfruchtbar bist. Damit deine Dummheit mit dir ausstirbt, wenn es denn endlich mal so weit ist.“ Er lachte hämisch und stellte sich hinter seine Freundin um die Kochtöpfe zu kontrollieren.

Tränen der Wut und Enttäuschung stiegen in Elli auf. Anstatt zu weinen, was ihrer Meinung nach den beiden noch gefallen würde, schluckte sie sie runter und ging nach Hause. Wie zum Hohn klapperte bei jedem Schritt der vorher gekaufte Schwangerschaftstest in ihrer Handtasche.

Später saß Elli zu Hause im Wohnzimmer und wartete auf das Ergebnis. Den Teststreifen in der Hand weinte sie leise und blickte immer wieder zur Wanduhr. „Eigentlich sollte Danni jetzt bei mir sein...“
Nachdem die Zeit endlich verstrichen war schaute sie mit rasendem Herzen nach. Ein Lächeln huschte über ihre Lippen. „Perfekt.“



© Inkslinger ~ 27.01.2013