Thema: Drunter und drüber
Das Vorstellungsgespräch
Ich öffnete die Augen und atmete tief durch. Aufgeregt nestelte ich an meinem Blazer und strich nochmal den Rock glatt. Heute war ein wichtiger Tag, denn in den nächsten Minuten würde sich alles für mich entscheiden. Es war aufregend und erschreckend zugleich. Unruhig ging ich auf und ab.
Ich zuckte leicht zusammen als plötzlich eine junge Frau auf den Gang trat und meinen Namen rief. Wie eine nervöse Erstklässlerin hob ich meine Hand und meldete mich anwesend. Die Dame zog bei meinem Anblick die Augenbrauen hoch und nickte widerwillig.
„Sehr schön. Ich hoffe, Sie haben nicht zu lange warten müssen.“
Ich schüttelte den Kopf, aber sie beachtete mich nicht weiter. Mit einer Handbewegung deutete sie mir an, ihr zu folgen. Zusammen gingen wir durch mehrere verwinkelte Flure, bis sie schließlich vor einem Eckbüro stehen blieb.
„Die Herren sind gleich bei Ihnen. Nehmen Sie doch schon einmal Platz.“
Sie öffnete die Tür und lotste mich zu einem Sofa, wo ich mich, den Anweisungen folgend, niederließ.
Nach zwanzig Minuten ging die Tür erneut auf und zwei Männer traten ein. Beide waren groß und breitschultrig. Der eine hatte lange blonde Haare, die er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden trug. Sein Begleiter war brünett und hatte einen Bürstenhaarschnitt. Ich stand auf und ging mit ausgestreckter Hand auf die Herren zu.
„Ilka Vogt, guten Tag.“
Sie erwiderten die Geste und der Blonde sagte:
„Guten Tag, Frau Vogt. Ich bin Fimbultyr und das hier ist mein geschätzter Konkurrent Beliar.“
Zusammen gingen wir zu dem runden Konferenztisch und setzten uns. Beliar ergriff als Erster das Wort.
„Frau Vogt, wie Sie sich denken können, haben wir nicht oft so eine Situation wie die Ihre. Fimbultyr und ich sind beide an Ihnen interessiert. Sie haben wahrlich viel geleistet in Ihrem Leben.“
Er blätterte in den Unterlagen, die er anscheinend vorher für das Gespräch zurechtgelegt hatte.
„Ich finde besonders Ihre vier Kinder bemerkenswert. Sind sie alle unehelich?“
Ich nickte und er fuhr erfreut fort.
„Dann die üblichen Lügen und Müßigkeiten...“
Sein Tischnachbar unterbrach ihn.
„Aber Sie haben auch viel Gutes geleistet. Ehrenamtliche Hilfe bei verschiedenen sozialen Einrichtungen sowie der Schule Ihrer Sprösslinge. Außerdem haben sie nie betrogen oder gestohlen.“
Ich lächelte nervös und musste meine volle Konzentration aufwenden, um nicht mit den Gedanken abzuschweifen. Was wurde jetzt von mir erwartet?
Meine Unsicherheit schien aufzufallen, denn Beliar sagte:
„Alles in allem steht's fünfzig/fünfzig. Sie haben die Wahl, bei wem von uns beiden Sie zukünftig tätig werden möchten.“
Fimbultyr setzte gleich sein Angebot nach.
„Bei uns gibt es eine herrliche Aussicht. Und darüber hinaus können Sie Ihre Erfahrungen im Sozialen einbringen und noch weiter ausbauen.“
Beliar schnaubte.
„Immer das Gleiche bei dir, Tyr. Nichts als Arbeit! Bei mir gibt’s unterhaltsame Gesellschaft. Es ist immer was los. Und Sie müssen nur tun, wozu Sie auch Lust haben. Na, wie entscheiden Sie sich?“
Ich grübelte lange und wog ab. Der einzige klare Gedanke, der dabei raus kam, war:
„Hoffentlich habe ich wenigstens einen Grund hinterlassen, vermisst zu werden.“
© Inkslinger ~ 20.05.2013