Thema: Abseits
Eine (Per)Version der Wahrheit
Rüdiger schaute sich um. Das Licht stach in seinen Augen und entwickelte sich zu dröhnenden Kopfschmerzen. Leise fluchend blinzelte er ein paar Mal, bis die Pein etwas abnahm. Sich selbst zur Ruhe ermahnend suchte er seine Umgebung nach bekannten Gegenständen ab. Nach einigen Sekunden erkannte er seine Geldbörse, die in ein paar Schritten Entfernung am Himmel schwebte.
„Moment mal.“, dachte Rüdiger und kratzte sich verwirrt am Kopf.
Doch auch nach dem zweiten Blick änderte sich nichts an seiner Beobachtung. Er blinzelte noch einmal und begriff plötzlich, was falsch an diesem struppigen Himmel war: Es war Gras.
Er war in seinem Auto, doch irgendwie stand es nicht auf den vier dafür vorgesehenen Reifen, sondern lag auf dem Dach. Rüdiger versuchte, sich daran zu erinnern, wie es dazu gekommen war, doch es wollte ihm nicht gelingen. Daher machte er erstmal einen gedanklichen Check.
„Kopf – vorhanden, tut weh. Arme – jup. Beine – jawohl. Zehen und Finger – intakt.“
Erleichtert atmete er tief durch. Bis auf die nervigen Kopfschmerzen konnte er keine Einschränkungen oder Verletzungen feststellen. Jetzt musste er sich nur noch aus dem Wagen befreien.
Unruhig rutschte er im Sitz hin und her. Wie war das gleich nochmal beim Verkehrsunterricht gewesen? Wie positionierte man sich so, dass man sich beim Öffnen des Gurtes nicht das Genick brach? Heute war wahrlich kein guter Tag zum Denken.
Etliche Augenblicke verstrichen, ohne dass Rüdiger sich traute, irgendetwas Nützliches zu versuchen. Das Blut rauschte laut durch seinen Schädel. Plötzlich hörte er Sirenen. Noch nie in seinem Leben war er so froh, dass dieses nervtötende Geräusch schnell näher kam.
Nach einigen Minuten war er frei. Blutergüsse, eine leichte Gehirnerschütterung und ein paar Schnittwunden wurden bei ihm festgestellt. Glück im Unglück, wie die Sanitäter öfter verwundernd bemerkten.
Gedankenverloren ließ Rüdiger seinen Blick über die Szenerie schweifen. Sein geliebter BMW ruhte mitten auf dem Feld. Wie ein überdimensionaler Blechkäfer, den man für einen fiesen Scherz auf den Rücken geworfen hatte. Der umgefahrene Grenzpfeiler schien höhnend auf ihn zu zeigen. Natürlich Totalschaden. Plötzlich kamen die Erinnerungen an das Geschehen wieder.
Rüdiger war auf dem Weg von der Gaststätte nach Hause. Vor ihm dümpelte ein kleiner Fiat herum. Lässig setzte er zum Überholmanöver an. Unvermittelt riss dieser Verkehrsbehinderer das Steuer nach links und streifte ihn an der Beifahrertür. Rüdiger kam ins Trudeln, schoss über den Fahrbahnrand und überschlug sich auf dem Acker.
Sofort berichtete er dem umstehenden Polizisten alles, woran er sich erinnerte. Dieser betonte nochmals, was Rüdiger schon wusste: Er war ein echter Glückspilz!
„Neue Umschau“ vom 10. Mai
Ein schwerer Unfall ereignete sich gestern Abend gegen 17.25 Uhr auf der Landstraße. Eine 24-jährige Frau wurde durch einem anderen Verkehrsteilnehmer von der Fahrbahn gedrängt. Augenzeugen zufolge näherte sich ein offensichtlich betrunkener Fahrer in Schlangenlinien dem Fiat, erfasste ihn an der hinteren Stoßstange, schob ihn einige Meter vor sich her und scherte dann ruckartig nach links aus. Die junge Frau prallte gegen einen Baum und war sofort tot. […]
© Inkslinger ~ 27.01.2013