Thema: Emotionen (alternativer Beitrag)
 

Mein Leben mit Alexi

Zwei Jahre hat sie es mit mir ausgehalten. Länger als je ein Mädel zuvor. Jetzt packt sie im Schlafzimmer meckernd ihre Koffer. Ich sitze in der Küche und lese die Zeitung. Diesen Moment habe ich schon lange erwartet. Der Verlauf solcher intimen Beziehungen ist immer gleich.

Sie hat mir erzählt, dass sie sich auf den ersten Blick in mich verliebt hat. Ob das stimmt kann ich nicht sagen. Sie hat viel gelacht und meine Nähe gesucht. Ich fand das nicht so irritierend wie bei anderen Frauen, deswegen war es okay für mich. Mit sechsunddreißig sollte man mit jemanden zusammen sein.

Nach ein paar Monaten merkte sie, dass ich anders war. Ihre Versuche, Gefühlsbekundungen von mir zu erzwingen, waren erfolglos. Sie sagte immer so Sachen wie: „Ich liebe dich, Mark. Was empfindest du für mich? Wo siehst du unsere Beziehung in einem Jahr?“ Ich habe immer das Thema gewechselt. Was hätte ich dazu sagen sollen? Bin ich ein Gefühlsdoktor? Oder ein Hellseher? Keine Ahnung, was sie mit diesen Fragen bezwecken wollte.

Einige Zeit später kam sie dann mit Fragen nach Heirat und Kinder. Ich antwortete: „Eine Hochzeit ist zu teuer und Kinder zu nervig.“ Das hat ihr nicht gefallen. Aber nach drei Wochen Trennung kam sie zu mir zurück. Sie konnte es ohne mich nicht aushalten, sagte sie. Für mich war es auch okay so. So war immer jemand zu Hause, wenn ich von der Arbeit kam.

Heute morgen hat sie mir plötzlich an den Kopf geworfen, ich wäre der kälteste Mensch der Welt. Ihre Freundinnen meinen das auch und sie hätte was Besseres verdient. Vielleicht ist das wahr. Wenn sich in der Beziehung einer unwohl fühlt ist es besser, es zu beenden. Das habe ich irgendwo mal gelesen. Wenn Tina nachher weg ist habe ich wieder mehr Platz im Badezimmer. Vielleicht hätte ich ihr von meiner Diagnose erzählen sollen. Aber wenn sie jetzt schon nicht mit meiner Alexithymie klar kommt, wird sie es nie.



© Inkslinger ~ 20.09.2013