Thema: Emotionen

 

Es bleibt, was war

Von einen auf den anderen Tag hast du mich verlassen. Das werde ich dir nie verzeihen. Grade, als sich zwischen uns wieder alles eingerenkt hatte, lässt du mich einfach so im Stich. Damit habe ich nicht gerechnet. Viele Menschen sind älter und kränker. Wer konnte ahnen, dass es bei dir so schnell geht?

Die ersten Tage erlebe ich wie im Trance. Die Gedanken und Erinnerungen in meinem Kopf kann ich niemanden mitteilen. Keiner würde das Chaos verstehen. Nicht einmal ich kann es ganz begreifen. Alle reden sie mit mir, als wäre ich verrückt. Aber das ist mir egal. Für mich sind sie weit entfernt, ein kaum hörbares Störgeräusch hinter einem dichten Schleier. Irgendetwas in mir ist zerbrochen und du bist nicht da, um es zu reparieren. So wie früher, als ich dich nur anzurufen brauchte und du so schnell wie möglich aufgetaucht bist, ohne dass ich darum bitten musste.

In Schockstarre versunken lasse ich die Vorbereitungen zur Beerdigung über mich ergehen. Vieles muss entschieden werden. Lauter Mist, über den wir nie gesprochen haben und wo keiner so recht weiß, was das Richtige ist. Mein Kopf ist mit Watte gefüllt und ich bin total nutzlos. Langsam verlieren die anderen die Geduld mit mir, aber das schert mich nicht. Nichts schert mich mehr wirklich.

Ich fliege auf Autopilot durch die Gegend und was nicht automatisch funktioniert steht still. Doch die Welt dreht sich weiter. Sie achtet nicht auf einen kleinen Käfer, der mühsam über die Oberfläche krabbelt und plötzlich seinen Halt verliert. Die Leute gehen ihrem Alltag nach. Manche zwar trauriger als zuvor, aber mit derselben Routine. Merken sie denn nicht, dass jemand fehlt? Und wieso kann ich nicht auch einfach weitermachen?

Die Hyänen streiten sich um die Hinterlassenschaften. Ich will nichts davon haben, alles hat für mich an Bedeutung und Farbe verloren. Erst jetzt, wo du weg bist, wird klar, dass du der Kitt warst, der die ganze Schose zusammengehalten hat. Die meisten Verwandten bei der Trauerfeier habe ich schon jahrelang nicht mehr gesehen. Nur durch deine Berichte war ich immer auf dem Laufenden. Von sich aus melden sie sich nie und ich habe es schon lange aufgegeben, ihnen hinterher zu laufen. Natürlich geloben alle Besserung und wollen uns bald wieder besuchen. Was für Heuchler.

Noch anstrengender sind die Menschen, die auf dich zu kommen und sagen: „Es wird besser mit der Zeit.“ Es wird aber nicht besser. Man lernt nur jeden Tag ein bisschen mehr damit umzugehen.

Alles ist anders und doch gleich geblieben. Es ist wie mit erloschenen Sternen. Von der Erde aus kann man ihr Licht noch sehen, auch wenn sie an ihrem Ursprungsort schon längst fehlen. Du fehlst hier, doch trotzdem bist du noch irgendwo.



© Inkslinger ~ 20.09.2013