Thema: Niveau (alternativer Beitrag)
 

Banausenpausen

Seit über zehn Minuten starre ich jetzt schon auf dieses hässliche PVC. Warum hört der Typ nicht endlich auf zu labern? Ich weiß, eigentlich sollte ich wohl zuhören, was er da von sich gibt, aber ich schaffe es nicht. Es ist bereits das vierte Mal, dass Herr Schröder mich belehrt und so langsam kenne ich den Text auswendig.

„Nachbarn beschweren sich... Blabla... Sie können nicht mitten in der Nacht Musik machen... Blabla... Anständiges Miteinander... Blabla...“

Endlich stoppt sein Redefluss und ich schaue vom Hausflurbelag auf.

„Ich weiß, Herr Schröder. Es tut mir auch leid. Mit meinem Beruf kommen halt nicht viele Leute klar. Ich als Musiker lebe die Kunst, egal, wann sie zu mir kommt. Auch um 4 Uhr früh. Die Musen, Herr Schröder, die Musen!“

Herr Schröder starrt mich an, als hätte ich sein Meerschweinchen gefressen.

„22 bis 7 Uhr ist Nachtruhe, Herr Eck. Das war ihre letzte Verwarnung. Wenn das noch einmal passiert, muss ich Ihnen leider kündigen.“

Er rauscht ab und ich schließe meine Wohnungstür.

Diese morgendlichen Störaktionen immer! Wie soll ich bei solchen Unterbrechungen je mit meinem Opus fertig werden?

Meine Nachbarn sind echt das Letzte. Einundzwanzig Parteien leben in diesem Haus und jeder einzelne reizt mich bis aufs Blut! Beschwere ich mich je über ihre Kinder, die den ganzen Tag draußen im Hof lärmen? Oder ihre dummen Köter, die die Welt mit ihren Hinterlassenschaften beschmutzen, die ihre Herrchen zu dekorativ finden um sie zu entsorgen? Nein! Denn ich habe, im Gegensatz zu diesen Banausen, Anstand. Ich nehme jeden Menschen so, wie er ist.

Naja, außer die, die unter meiner Würde sind. Arbeitslose Penner, dreckige Arbeiter und überhebliche Angestellte zum Beispiel. Die könnten ruhig etwas an sich ändern. Und natürlich diese lästigen Teenies, die überall rumgammeln und mich in unbekannter Sprache anlallen.

Ich setze mich an meine Notenblätter und suche die Stelle in meiner Komposition, an der ich vor der Interruption hängengeblieben war. Das Papier raschelt zwischen meinen Fingern und ich versinke in meinem Werk. Note nach Note summe ich an, korrigiere hier, streiche dort. Ich kann die Musik förmlich in der Luft hören. Die Fliegen surren zum Rhythmus und machen Liebe zu meinem Zauber, der durch die Stube hallt.

Und dann, nach sechs Stunden Überarbeitung, ist es geschafft. Ich lasse mich am Klavier nieder und haue in die Tasten. Jeder Ton eine Wonne, nur der passende Text fehlt mir noch.

Drei Wochen und zwei Verwarnungen des Vermieters später ist es endlich soweit. Ich habe mein Lied vollendet. Flux sende ich es an meinen Agenten. Dieser zeigt sich hellauf begeistert und versichert mir, es wie einen Schatz zu hüten und glühend beim Kunden anzupreisen.

Kurze Zeit darauf höre ich es im Radio. Nie ist mir so etwas Herrliches widerfahren. Lediglich der Text wurde etwas verändert. Doch solche Kompromisse muss jeder Künstler eingehen um groß rauszukommen. Ich drehe die Lautstärke voll auf und aus den Lautsprechern schallt es:


Surrmanns Sauerkraut
Schnapp dir eine Wurst und kraul' das Kraut
Sonst ist es weg und dein Tag versaut!




© Inkslinger ~ 29.11.2013