Thema: Niveau
 

Idiotensicher

„Was zum Teufel soll das?“

Harald Kempe starrte erschrocken auf die Kreatur, die ohne anzuklopfen in sein Büro gestürmt war. Sie trug einen grünen hautengen Lackanzug und die Füße steckten in übergroßen Moonboots. Auf dem Kopf thronte ein lavendelfarbener Motorradhelm mit geschlossenem Visier.

Als der Eindringling nicht antwortete, färbte sich Kempes Gesicht purpurn.

„So eine Unverschämtheit! Sofort raus hier, sonst rufe ich die Security!“
„Die habe ich längst außer Gefecht gesetzt.“, erwiderte das bunte Wesen kühl. „Sie können sich Ihre Drohungen schenken, Kempe.“
„Woher kennen Sie meinen Namen? Und wer zum Henker sind Sie?“
„Ihr Name steht sowohl an Ihrer Bürotür, als auch auf dem Schildchen da auf Ihrem Schreibtisch. Außerdem heißt Ihre Firma Kempe Kosmetik, also war das nicht schwer zu erraten.“

Das Wesen hob die linke Hand und zeigte auf das riesige I auf seiner Brust.
„Ich bin I, der Idiotenjäger. Ich merze Dummheit aus, wo immer ich sie finde! Ich bin hier, um Ihre Blödheit aus der Welt zu schaffen!“
Kempe lachte lauthals und kringelte sich in seinem Chefsessel.

„Und wie willst du das anstellen, du Penner? Hast du irgendwelche 'Geniestrahlen' oder so einen Mist?“
I schüttelte den Kopf.
„Die sind noch in Arbeit. Bis dahin muss ich zu anderen Mitteln greifen.“

Langsam öffnete er den Reißverschluss seines Anzugs und holte etwas hervor.
„Hast du mich eben etwa blöd genannt, du hässlicher Kackvogel?!“
I hielt in der Bewegung inne und legte den Kopf schief.
„Diese Frage ist bereits die Antwort, Kempe. Nur ein Idiot erkennt erst Minuten später, dass er ein Idiot genannt wurde.“

In seiner Hand hielt I einen kleinen Karton, den er auf den Schreibtisch stellte. Neugierig zog Harald den Kasten zu sich und hob den Deckel an. Seine Augen weiteten sich.
„Bist du irre? Was soll ich mit dem Zeug?“
Er holte den Inhalt hervor und verteilte alles auf dem Tisch. I zeigte auf die verschiedenen Utensilien, während er dem ratlosen Kempe deren Funktion im Kampf gegen die Blödheit erklärte.

„Das Buch, das da vor dir liegt, ist der Duden. Dort findest du viele schöne Wörter und wie man sie richtig benutzt. Die Schachtel dort enthält die aktuellste Ausgabe von Trivial Pursuit. Ich werde jede Woche unangemeldet in deinem Büro oder bei dir zu Hause auftauchen und mit dir spielen. Solange, bis du mich besiegst. Und ich habe noch nie verloren...“

„Und was, wenn ich nicht tue, was du von mir verlangst?“
I lachte und ging auf ihn zu.
„Dann wirst du der erste Mensch sein, an dem ich meinen selbstgebastelten Bestrafungsstrahl testen werde. Bis bald, Kempe.“

Mit einem großen Schritt war I am Fenster. Er kletterte auf den Sims, sprang ins Blumenbeet und schon war er verschwunden. Nur der Duft von Eukalyptus und die Mitbringsel auf dem Tisch erinnerten an seinen Besuch.
Harald ließ das Geschehene noch einmal Revue passieren und grübelte. Nach langer Zeit zuckte er mit den Schultern und murmelte: „Wieso sollte ich ihm nicht gehorchen? Schließlich kann er fliegen.“



© Inkslinger ~ 29.11.2013