Thema: Streifen
 

Von Katzen und Stinktieren

Lisa saß mit ihrer Mutter Eva bei Kaffee und Apfelstrudel zusammen. Die frischsten Neuigkeiten waren ausgetauscht und nun genossen sie ihr längst überfälliges Treffen. Seit mehr als einem Jahr hatten sie sich nicht mehr gesehen sondern nur per Telefon Kontakt gepflegt.


„Es ist schön, mal wieder bei dir zu sein.“, sagte Eva fröhlich.
Von ihrem aufgespießten Stück Strudel tropfte auf dem Weg zum Mund Schlagsahne auf ihre Bluse. Mit vollen Backen schimpfte sie über sich selbst und den Kuchen.

Lisa reagierte sofort. Sie stellte ihre Kaffeetasse auf dem Tisch ab und stand auf.
„Warte, ich hol dir was zum Saubermachen.“

Schnurstracks eilte sie ins Bad, befeuchtete ein Handtuch und brachte es ihrer Mutter. Diese tupfte behutsam den Fleck ab. Mürrisch schaute sie zu ihrer Tochter, die vor ihr stand, auf.
„Hast du nichts Besseres als dieses billige Baumwollimitat aus dem Discounter? Das ist das reinste Gift für meinen exquisiten Stoff.“
Lisa schüttelte den Kopf und bevor sie etwas sagen konnte entfuhr Eva plötzlich ein herzzerreißendes „Oh mein Gott!“. Mit versteinertem Gesicht starrte sie aus dem Fenster.

 

Erschrocken fuhr Lisa herum, doch außer den Dächern der Nachbarhäuser konnte sie nichts sehen.
„Was hast du denn?“, harkte sie unsicher nach.
„Da, am Fenster...“ Eva stand auf und ging darauf zu.
Langsam streckte sie ihren Zeigefinger aus und strich über das Glas. Angeekelt verzog sie die Mundwinkel.
„Bäh! Guck dir das an... Hässliche Schlieren! Mädchen, was ist bloß los mit dir?“
Lisa schnappte nach Luft.
„Wegen dem einen Streifen am Fenster machst du hier so einen Aufstand? Mutter, du übertreibst!“
„Das will ich jetzt nicht gehört haben!“, empörte sich Eva.
„Schon EIN weißer Streifen kann aus einer schwarzen Katze ein Stinktier machen! Ich dachte, ich hätte dich besser erzogen.“
Energischen Schrittes rauschte sie an ihrer Tochter vorbei in die Küche. Dort riss sie alle Schubladen und Schranktüren auf, die sie zu fassen bekam.
„Was machst du da, Mutter? Das ist ja wohl nicht dein Ernst!“
Unbeirrt wühlte sich Eva weiter durch die fremden Stauräume, bis sie schließlich fündig wurde und mit einem euphorischen „Voilá!“ ein Fensterleder herumschwenkte.


Fünf Stunden und eine mütterliche Sauberkeitslektion später saß Lisa auf dem Sofa. In ihrer rechten Hand hielt sie eine Tasse Espresso, in der linken eine Zigarette.
Eva setzte sich neben sie, nahm ihr den Glimmstängel ab und legte ihn in den Aschenbecher auf dem Stubentisch.
„Nicht den Boden vollaschen, Kind. Ist doch frisch shampooniert und ausgesaugt! Ich dachte, du hast mit Rauchen aufgehört?“
Lisa nickte. „Vor ungefähr einem Jahr.“
Ihre Mutter machte eine abschließende Handbewegung. „Naja, ich will mich nicht in deine Sachen einmischen, du bist ja schließlich schon 34. Ich mach mich jetzt auch auf den Weg.“
Mutter und Tochter verabschiedeten sich ausgiebig, und als die Tür ins Schloss fiel atmete Lisa erleichtert auf. „Hoffentlich kommt die Katze ihr Stinktier erst in ein paar Monaten wieder besuchen...“



© Inkslinger ~ 27.01.2013