Thema: Verrückt (alternativer Beitrag)
Das Tollhaus
Hannah steckte den Schlüssel in das Loch und drehte ihn herum. Langsam öffnete sie die Tür und lugte in den Flur. Als sie merkte, dass die Luft rein war, trat sie ein. Um Geräuschlosigkeit bemüht schlüpfte sie aus ihren Schuhen und schlich zu ihrem Zimmer.
Als sie an dem Schlafzimmer ihrer Eltern vorbeikam blieb sie kurz stehen und horchte. Von drinnen war das laute Schnarchen ihres Vaters zu hören. Zufrieden grinste Hannah in sich hinein und ging weiter.
Sie kannte jeden Winkel der Wohnung in und auswendig, und ohne das Licht anzuschalten legte sie die gesamte Strecke perfekt zurück. An ihrem Bett angekommen ließ sie sich nieder und schlief - triumphierend lächelnd - ein. Wieder einmal hatte sie ihre Alten überlistet.
Am nächsten Morgen saß Hannah mit ihren Eltern am Frühstückstisch. Ihre Mutter musterte sie abschätzend.
„Was guckst du so? Hast du kein Foto?“
„Doch, Schätzchen. Aber auf keinem von denen siehst du so ausgekotzt aus wie heute. Wann warst du denn gestern Abend zu Hause?“
Ihre Tochter verdrehte genervt die Augen.
„Natürlich um elf, länger darf ich doch gar nicht wegbleiben. Im Gegensatz zu meinen Freundinnen...“
„Als ich in deinem Alter war durfte ich nicht so lange ausgehen. Du hast es ziemlich gut, Mädel.“
„Nerv' mich doch nicht immer mit dem Mist! Du warst nie in meinem Alter!“
Vater ließ seine Zeitung sinken und starrte seine Tochter erbost an.
„Gewöhn' dir mal einen anderen Ton an, Fräulein! Wir sind hier nicht bei den Hottentotten, wo Kinder tun und lassen können, was sie wollen! In unserer Wohnung richtest du dich nach unseren Regeln, basta!“
Wütend stürmte Hannah in ihr Zimmer und knallte die Tür zu. Was wussten die schon davon, wie es ist, sechzehn zu sein?
Ein paar Stunden später wiederholte sich das Schauspiel der vergangenen Nacht. Wie ein Ninja schlich Hannah durch die Bude und wich jedem Hindernis großzügig aus. Als sie ihre Zimmertür hinter sich geschlossen hatte atmete sie erleichtert auf.
Schwungvoll öffnete sie ihre Jacke und warf sie in die Richtung, in der sie ihren Schreibtischstuhl wusste. Plötzlich klirrte und schepperte es. Erschrocken fuhr Hannah zusammen. Sie machte einen Schritt vorwärts und stieß gegen einen harten, steinernen Gegenstand. Leise fluchend und den schmerzenden Zeh bearbeitend ließ sie sich auf ihr Bett fallen.
Als Licht in ihr Zimmer fiel schaute sie auf. Ihre verschlafenen Eltern standen in der Tür und starrten sie entsetzt an.
„Es ist vier Uhr morgens!“, schimpfte ihre Mutter.
Hannah guckte sich in ihrem Zimmer um. Durch den Lichtschein aus dem Flur konnte sie das Chaos sehen: Ihre Jacke hatte eine Vase zu Boden gerissen, die nun nur noch ein Scherbenhaufen auf ihrem Teppich war. Vor ihrem Bett stand der massive Steintisch aus dem Wohnzimmer.
„Ihr habt einfach die Möbel verschoben?! Was soll der Scheiß?“
Den Kommentar ignorierend schob Vati ein „Du hast zwei Monate Hausarrest!“ hinterher und schloss die Zimmertür.
Die Eltern standen im Flur. Diesmal waren sie es, die triumphierend lächelten.
© Inkslinger ~ 30.03.2013